Im Gruppenchat
Das Mittagessen zu Omas Achtzigstem
„Dann bleibt es also beim Zwölften?“, schrieb Tante Gisela, und der Familienchat antwortete innerhalb einer Minute. Onkel Jürgen schickte einen Daumen nach oben. Johannas Mutter schickte drei. Jemand postete ein Foto vom Tisch im letzten Jahr, dem langen am Fenster, auf dem der Braten schon zur Hälfte verschwunden war.
Johanna las das alles in der Straßenbahn und tippte nichts. Seit sechs Jahren war sie in diesem Chat und hatte es auf vielleicht vierzig Nachrichten gebracht, die meisten davon „Ich kann den Käsekuchen mitbringen“ oder „Bin gut angekommen“. Schüchternheit war es nicht direkt. Wenn zwölf Leute gleichzeitig redeten, blieb einfach kein Platz für die Art Satz, die sie gern schrieb, die Art, hinter der sie auch nachher noch stehen konnte.
Hängen blieb sie an ihrer Cousine Lea. Lea antwortete normalerweise in ganzen Absätzen, mit Witzen über die Sitzordnung. Heute hatte sie um 9:14 Uhr „passt“ geschrieben und um 9:31 Uhr „wie ihr wollt“, beides ohne Punkt. Sonst schien das niemandem aufzufallen. Der Chat war längst bei der Frage, ob Oma die Treppe im Restaurant noch schaffte.
Johanna begann eine Antwort in der Gruppe: „Lea, passt dir der Zwölfte denn wirklich?“ Sie sah sich den Satz an. Vor allen anderen gestellt, würde die Frage Lea zu einem Ja zwingen. Sie löschte sie und öffnete stattdessen ein privates Fenster. „Du klingst heute Morgen nicht wie du. Du musst nichts erklären. Ich bin heute Abend da, falls du reden willst.“ Aus „reden willst“ machte sie „Gesellschaft willst“, las es zweimal und schickte es ab, bevor ihre Haltestelle kam.
Im Familienchat ergänzte sie eine Zeile, damit ihr Schweigen ihre Mutter nicht beunruhigte: „Der Zwölfte passt. Ich bringe den Käsekuchen mit.“ Vier Daumen kamen zurück. Als sie auf den Bahnsteig trat, brummte das Handy noch einmal, und diesmal war es nur Lea. „Woher weißt du das immer“, stand da. „Am Zwölften wollte ich eigentlich bei Jannik einziehen. Ich hab noch niemandem gesagt, dass daraus nichts wird.“ Johanna blieb stehen, während die Bahn abfuhr. „Dann sag es mir zuerst“, tippte sie. „Ich rufe um acht an.“