Im Gruppenchat
Der Wasserkocher-Streit
Es fing damit an, dass Kai schrieb, in einem Zimmer, in dem es nur einen Wasserkocher gibt, könne man kein richtiges Abendessen kochen. „Couscous“, tippte Benedikt innerhalb von Sekunden. „Eier, wenn man Geduld hat. Blanchiertes Grünzeug. Nudeln sowieso. Das sind vier Gänge, und ich habe mich noch nicht mal angestrengt.“
Er saß auf einer Bank vor dem Waschsalon, und die folgende halbe Stunde war das Beste an seinem Tag. Kai meinte, Ziehenlassen sei kein Kochen. Benedikt bat ihn, Kochen zu definieren. Kai sagte, Hitze, die über eine gewisse Zeit zugeführt wird, und Benedikt sagte, das sei ein Wasserkocher, vielen Dank. Als Kai mit einem müden „Na gut, technisch gesehen“ endlich nachgab, spürte Benedikt, wie der Spaß aus der Frage entwich, und wechselte auf der Stelle die Seite. „Wobei du schon recht hast, ein Abendessen wäre das nicht. Zum Abendessen gehört eine Pfanne und irgendwas, das ein bisschen schiefgeht.“
Vierzehn Nachrichten, alle von ihm. Irgendwo mittendrin hatte Marie geschrieben: „Die Wohnung habe ich nicht bekommen. Das ist jetzt die dritte.“ Er hatte geantwortet, ohne das Tempo zu drosseln: „Offensichtlich will das Schicksal dich in einem Zimmer mit Wasserkocher sehen.“ Dann war er weitergezogen. Erst als sein Trockner piepte, fiel ihm auf, was fehlte. Marie reagierte auf alles. Wer etwas übers Wetter schrieb, bekam von ihr eine kleine Sonne. Unter seinem Witz stand überhaupt nichts.
Er scrollte hoch und las ihre Nachricht noch einmal. Seit dem Frühjahr schlief sie bei ihrer Cousine auf dem Sofa. Er öffnete einen privaten Chat. „Sorry, das war ein blöder Witz“, schrieb er und sah es sich an. Damit müsste sie ihn trösten. Er löschte es. „Drei hintereinander ist echt übel, und ich bin einfach drübergetrampelt. Woran lag es diesmal? Und wann ist die nächste Besichtigung? Ich komme mit und diskutiere mit dem Makler.“
Die Antwort brauchte ein paar Minuten. „Donnerstag um sechs. Ja, ehrlich gesagt. Bitte.“ „Abgemacht.“ Er trug es sofort in den Kalender ein, er kannte sich ja. In der Gruppe postete er danach ein Foto, das er im letzten Winter gemacht und für genau solche Gelegenheiten aufgehoben hatte: ein Ei in einem Wasserkocher, mit zweifelnder Miene.