Im Gruppenchat
Was Jakob unter das Gedicht schrieb
Jakob hatte seine Schüssel kalte Nudeln zur Hälfte geleert, als der alte Klassenchat, sonst monatelang tot, neunzehnmal hintereinander aufleuchtete. Marcel hatte etwas gefunden. Es war der Screenshot eines Gedichts, das ihre frühere Mitschülerin Annika öffentlich gepostet hatte, acht Zeilen über die Hände ihres Vaters und eine Werkstatt, die nach Kiefernholz roch.
„Kann mal jemand die Jury vom Literaturpreis verständigen“, schrieb Marcel. Tim setzte ein Gesicht dahinter, das Tränen lachte. Dann kam eine Fassung des Gedichts, in der jedes Substantiv durch „Wurst“ ersetzt war, und eine Weile bestand der Chat nur noch daraus, Wurst um Wurst, und Leute, von denen Jakob seit Jahren nichts gehört hatte, tauchten einzig auf, um noch eins draufzusetzen.
Er las das eigentliche Gedicht zweimal. Ein gutes Gedicht war es nicht, handwerklich gesehen. Die Zeilenumbrüche waren seltsam, und „Ewigkeit“ hätte gestrichen gehört. Aber bei der dritten Zeile, der mit dem Sägemehl in den Manschetten eines Hemdes, das seither niemand gewaschen hatte, war ihm über den Nudeln die Kehle eng geworden. Annika hatte es ernst gemeint. Darin bestand das ganze Vergehen.
Normalerweise hätte er es durchgehen lassen. Genau dafür hatte er diesen Chat fast das ganze Jahr stummgeschaltet, und er war ungern derjenige, der einen Raum kalt werden lässt. Er tippte: „eigentlich ist das irgendwie“, und löschte es. Als Nächstes kam „Leute, echt jetzt“, das klang nach Lehrer, und er löschte auch das. Dann postete Tim Annikas Profilbild mit einer aufgemalten Krone, und in Jakob wurde etwas still und klar.
Was er abschickte, war kurz. „Da bin ich raus. Ihr Vater ist letztes Jahr gestorben, und sie hat etwas Wahres darüber geschrieben. Das ist mir lieber als alles, was wir heute Abend hier von uns gegeben haben.“ Er legte das Handy auf die Fensterbank und aß mit klopfendem Herzen die Nudeln auf. Zwanzig Minuten später gab es zwei Antworten. Marcel: „wow, okay.“ Und privat, von einer Sarah, mit der er in der Schule kaum ein Wort gewechselt hatte: „Danke. Ich wollte es auch sagen und hab mich nicht getraut.“ Er öffnete Annikas Seite und schrieb unter das Gedicht: „Die Zeile mit dem Sägemehl. Die geht mir nicht aus dem Kopf.“