Im Gruppenchat
Abendessen für Nummer zwölf
Sebastian hatte den Chat an einem Dienstag eröffnet, elf Minuten nachdem er gesehen hatte, wie man Frau Schneider aus Nummer zwölf mit eingegipstem Bein aus einem Taxi half. Er nannte ihn „Abendessen für Ingrid“, holte neun Nachbarn dazu und stellte eine Tabelle hinein: ein Name pro Abend, drei Wochen lang, mit dem Hinweis, dass sie keinen Fisch esse und alles liebe, wo Dill dran sei. Für beide Sonntage hatte er sich selbst eingetragen, denn sonntags vergaßen es die Leute.
Er hielt den Chat warm, so wie manche Leute einen Ofen in Gang halten. Als ein Student schüchtern schrieb, er könne nur Nudeln, antwortete Sebastian: „Nudeln sind perfekt, sie hat mir erzählt, dass sie ihr fehlen“, und klopfte danach bei Frau Schneider, um sicherzugehen, dass das auch stimmte. Er postete ein Foto von der Graupensuppe mit Pilzen vom Donnerstag. Vierzehn Herzen.
Dann, am Freitag, schrieb Herr Vogel: „In dieser Gruppe werden zu viele Nachrichten verschickt. Eine Liste an der Tür würde denselben Zweck erfüllen. Ich schalte stumm.“ Sebastian las es im Hausflur. Ihm wurde das Gesicht heiß, als wäre es laut vor allen gesagt worden, und das war es in gewisser Weise ja auch. Er scrollte zurück und zählte seine eigenen Nachrichten. Neunzehn in zehn Tagen. Jetzt sah das nach viel aus.
Er tippte: „Entschuldigt, ich halte mich künftig zurück!“, und löschte es, weil es gekränkt klang. Er tippte: „Gute Idee mit der Liste“, und löschte auch das; eine Liste an der Tür sagt keinem schüchternen Studenten, dass Nudeln willkommen sind. Am Ende schrieb er gar nichts und spürte dieses Garnichts das ganze Abendessen über. „Findest du, ich rede zu viel im Hauschat?“, fragte er seine Frau. „Ich finde, Frau Schneider hat zehn Tage lang gut gegessen“, sagte Anna.
Um neun schrieb ihm der Student privat. „Sie hat sich meine Nudeln noch mal gewünscht. Danke, dass Sie mich dazugeholt haben.“ Sebastian las es dreimal. Dann druckte er den Plan aus, klebte ihn für Herrn Vogel an die Haustür und kehrte in den Chat zurück, um den Koch vom Samstag an den Dill zu erinnern.