Im Gruppenchat
Eine Abschiedskarte für Herrn Winkler
„Hat sich eigentlich schon jemand Gedanken über Freitag gemacht?“, schrieb Verena um 7:50 Uhr in den Kollegenchat. Freitag war Herrn Winklers letzter Tag nach sechsundzwanzig Jahren in der Buchhaltung, und bisher bestand der einzige Plan darin, dass es keinen gab.
Eine Stunde später hatte sie einen. Antje, die wunderbar zeichnete und nie ein Wort darüber verlor, bat sie, die Karte zu gestalten. Das Geschenk sollte Thomas aussuchen, schließlich war er es, der mit Herrn Winkler zu Mittag aß und wusste, dass der alte Radios restaurierte. Leonie, der Neuesten im Team, die seit ihrem Einstieg noch kein einziges Wort in den Chat getippt hatte, schrieb sie direkt: „Du hast doch mal in einer Konditorei gearbeitet, oder? Sagst du uns, welche Torte wir bestellen sollen? Deinem Geschmack traue ich mehr als meinem.“ Leonie antwortete nach vier Minuten, mit drei Vorschlägen und einer Anmerkung zu Walnüssen.
Alles Übrige blieb an Verena hängen, weil sie es angeboten hatte. Das Geld einsammeln. Den neun Leuten hinterherlaufen, die „ja klar“ gesagt und dann nicht gezahlt hatten. Den Raum buchen, Teller ausleihen. Am Donnerstagabend schnitt sie um elf noch Geschenkband zu, und ihr eigener Bericht für Montag steckte unberührt in der Tasche.
Der Freitag lief gut. Herr Winkler hielt die Radioröhre in der Hand, die Thomas aufgetrieben hatte, und brachte einen Moment lang kein Wort heraus. Die Karte und die Walnusstorte wurden ausdrücklich gelobt. Antje wurde rot. Leonie wurde zweimal gefragt, woher sie sich so gut mit Gebäck auskenne, und unterhielt sich noch lange, nachdem sie sich normalerweise davongestohlen hätte.
Danach füllte sich der Chat. „Tolle Karte, Antje!“ „Thomas, dieses Geschenk!“ „Leonie, die Torte!!“ Verena scrollte im Bus lächelnd hindurch und scrollte ein bisschen länger weiter als nötig. Bei der, die die Liste geführt hatte, hatte sich niemand bedankt. Es stach mehr, als sie irgendwem gegenüber zugegeben hätte, und sie ärgerte sich über sich selbst, weil sie mitzählte. Sie tippte: „Schön, dass alles geklappt hat“, und setzte dann eine zweite Zeile dazu, die sie sonst nicht abgeschickt hätte: „Es war ehrlich gesagt ziemlich viel Arbeit. Beim nächsten Mal hätte ich gern jemanden, der mitorganisiert. Freiwillige?“