Im Gruppenchat
Baklava für die Abschiedsfeier
Lina nahm ihre vierte Sprachnachricht des Morgens beim Zähneputzen auf, was niemandem half, sie zu verstehen. Der Chat der Cafébelegschaft hieß „Team Espresso“, und Thema des Tages war die Abschiedsfeier am Samstag für Conny, die Konditorin, die ins Ausland zog. Bisher hatte Lina das Foto eines Banners beigesteuert, ein Video von einer tanzenden Katze, den Vorschlag, dass alle eins von Connys scheußlichen Kopftüchern tragen, und eine vierzig Sekunden lange Aufnahme, in der sie hauptsächlich über ihre eigene Kopftuchidee lachte.
Der Chat war begeistert. Sie scrollte noch einmal nach oben, um das Ganze zu genießen, und da sah sie die Lücke. Elif, die neue Spülkraft, hatte jede Nachricht gelesen und keine geschrieben. Lina sah sie vor sich, am Dienstag am Spülbecken, wie sie eine halbe Sekunde zu spät über Witze lächelte und noch dabei war zu lernen, wer wer war.
Weiter oben, fast verschüttet, stand eine Nachricht von Thilo, dem Chef: „Anderes Thema. Ich brauche zwei Leute für die Inventur am 30. Und wer übernimmt von Conny die Bestellliste?“ Linas Augen glitten darüber hinweg, so wie sie über Briefe von der Bank hinwegglitten. Der 30. war noch lange hin. Die Bestellliste bestand aus Spalten. Sie würde später antworten, wenn später da war.
Elif dagegen war jetzt. Lina öffnete einen privaten Chat und tippte: „Hey! Du kommst doch am Samstag, oder? Wir brauchen dich. Und wichtige Frage, kannst du backen?“ Dann: „Ich kann Baklava machen. Nach dem Rezept von meiner Mutter. Geht das?“ Lina klatschte tatsächlich in die Hände. „Das geht SO was von. Schreib das in die Gruppe, die drehen durch.“ Eine Minute später erschien Elifs erste Nachricht in Team Espresso, und Lina war die Erste von neun Leuten, die darauf antworteten.
Am Nachmittag hielt Thilo sie bei der Arbeit neben der Kaffeemühle an. „Inventur. Bestellliste. Hast du es gelesen?“ Ihr wurde das Gesicht warm. „Hab ich. Ich wollte noch.“ Er wartete. Sie dachte an die Spalten und daran, dass Conny ging und dass es irgendwer machen musste. „Trag mich für die Inventur ein“, sagte sie. „Und zeig mir morgen die Liste. Langsam.“