Im Gruppenchat
Siebenundvierzig ungelesene Nachrichten
Siebenundvierzig ungelesene Nachrichten zeigte der Familienchat an, als Judith aus dem Becken stieg, und alle siebenundvierzig drehten sich um den achtzigsten Geburtstag ihrer Großmutter. Sie las sie im Stehen in der Umkleide, während ihr das Wasser aus den Haaren aufs Display tropfte. Tante Renate wollte ins Restaurant am Fluss. Ihr Cousin Florian wollte eine Überraschungsfeier in der Wohnung. Ein Datum hatte niemand genannt.
Sie scrollte zurück zum Anfang und las alles noch einmal, langsamer, so wie sie Verträge las. Bei Nachricht zwanzig war das Muster klar. Jeder antwortete nur auf das, was unmittelbar über ihm stand, und so kreiste das Gespräch immer wieder um dieselben drei Fragen: wo, wann, wer zahlt die Musiker. Ihre Mutter hatte viermal geschrieben: „Wie es für alle am einfachsten ist.“ Judith fing an zu tippen. „Das geht jetzt seit zwei Tagen so, und entschieden ist nichts.“ Das stimmte, und Tante Renate würde daraufhin eine Woche lang schweigen. Sie löschte den Satz und öffnete stattdessen ihre Notizen.
Zwanzig Minuten später, in der Straßenbahn, schickte sie eine einzige Nachricht. „Vorschlag: Samstag, der 14., Mittagessen um 13 Uhr, weil Oma abends müde ist und Florians Zug um 11:40 ankommt. Das Restaurant am Fluss hat ein Nebenzimmer für 22 Personen. Ich habe angerufen, es ist an dem Tag frei, und sie halten es uns bis Donnerstag. Keine Überraschung. Sie mag so was nicht, das hat sie letztes Jahr selbst gesagt. Falls das Restaurant doch nicht klappt, gehen wir zu Renate in die Wohnung. Ich brauche bis Mittwochabend ein Ja oder ein Nein.“
Dann legte sie das Handy mit dem Display nach unten aufs Knie. Nicht erwähnt hatte sie den gerahmten Druck vom alten Haus in der Mühlenstraße, von dem ihre Großmutter jeden Winter erzählte. Der war längst bestellt. Am 10. würde er ankommen, vier Tage vor dem Fest.
Das Handy brummte. Florian: „Jawohl, Frau General.“ Dann Tante Renate: „Na gut. Aber den Kuchen bringe ich mit.“ Judith ergänzte ihre Notizen um eine Zeile: Kuchen, Renate, Größe klären. Sie tippte „Schön, dass wir das alle für sie machen“, ließ den Daumen eine Weile darüber schweben und schickte dann doch nur einen Daumen nach oben.